Rezension: "Nach dem Amok" - Myriam Keil

6/18/2011 09:06:00 nachm.


Alles ist schon einmal da gewesen. Alles kehrt irgendwann wieder. Ein unschuldiger Wirbel. Oder die Erinnerung an eine grausame Tat, die man für eine kleine Weile vergessen hatte.

Erster Satz:
Es ist sein erster Tag.

Inhalt:
Eine schreckliche Erinnerung, eine grausame Tat und ein Mädchen, das nicht aufgeben und für ihr Leben kämpfen will.
Seit einigen Monaten ist Maikes Leben nicht mehr das, was es einmal war. Denn zum Schrecken aller, war es ihr Bruder, der am Anfang des Jahres in ihrem Gymnasium zum Amokläufer wurde. Seitdem hat es Maike alles andere als leicht. Ihre Mitschüler schätzen sie misstrauisch ab, beleidigen und reden hinter ihrem Rücken über sie - schlicht: sie machen ihr das Leben zur Hölle. Auch ihre Eltern können ihr wenig Trost spenden. Ihr Mutter täuscht Normalität vor, damit ihr Leben nicht zusammenbricht und ihr Vater meidet das Thema um ihren Bruder, wie eine schlimme Krankheit, die es zu bekämpfen gilt. Die einzige Stütze in Maikes Leben ist ihr Freund Jannick. Er gibt ihr Kraft und Hoffnung, auch wenn ihn die Situation oft zwiegespalten zurück lässt. Denn sein bester Freund wurde von Maikes Bruder David angeschossen und ist seitdem gelähmt. Als dann auch noch die beste Freundin von Jannick gegen Maike intrigiert und alles versucht um ihr ihren Freund auszuspannen, droht ihr Leben aus den Fugen zu geraten und an de Last der Erinnungen zu ersticken.

Schreibstil:
Wenn ich an den Schreibstil in
"Nach dem Amok" zurückdenke, dann kann ich nur sagen: "Ich bin sprachlos". Myriam Keil hat ein unglaubliches und gutes Gespür dafür, ihre Figuren durch eine wunderschöne, echte und glaubwürdige Art und Weise zum Leben zu erwecken. Dabei vermittelt sie mit jedem Wort die Gefühle der Hauptfigur Maike, 1:1 und saugt den Leser so, Satz für Satz in ihr Leben. Schnell wird hierdurch auch die Kritik und die Problematik ihrer Geschichte deutlich. Da Maike die Schwester des Amokläufers ist und sich dagegen entscheidet, die Schule zu wechseln, wird sie schnell in die Position des Außenseiters gepresst und bekommt hart jeden Hass zu spüren, der eigentlich ihren Brude getroffen hätte, nach seinem Tod aber auf die umgelagert wird. Schnell wird deutlich, dass der Jugendroman von Myriam Keil, sich kritisch mit dem Leben der Täterfamilie auseinandersetzt. Man bekommt mit, wie die Mutter auf dem Marktplatz öffentlich gedemütigt, Maike vor ihrer Klasse bloßgestellt und sie somit immer mehr in eine tiefe Depression gepresst werden. Somit wird auch die Kritik am "Mobbing" deutlich und hinterlässt so den bitteren Nachgeschmack dieses Werkes. Doch Myriam Keil schreibt nicht nur kritisch, sondern auch sehr poetisch und spannend. So begleitet man die Protagonistin auf einer spannenden Suche nach Antworten. Denn hasst sie ihren Bruder zwar für das, was er ihr angetan hat, so ist sie doch trotzdem gewillt zu erfahren, warum und was ihn zu diesen Taten bewogen hat. Auch hier wird der Leser erneut auf emotionaler Ebene gepackt und entdeckt nach und nach die schockierende Wahrheit, die einen mit eigenen, kritischen Gedanken zurücklassen. Demnach kann ich nur sagen, dass wenn euch die Geschichte vielleicht nicht direkt anspricht, sie ist aufjedenfall eine Reise wert, denn man sollte sich den neuen, frischen und schönen Schreibstil der Autorin auf keinen Fall entgehen lassen.

Idee/Umsetzung:
Die Idee die sich hinter dem ersten Jugendbuch der Autorin versteckt ist erschreckend und beleuchtet zudem mal eine ganz neue Perspektive. Stehen sonst immer die Opferfamilien im Vordergrund, so wird diesmal die Familie des Täters vorgestellt. Direkt zu Anfang wird deutlich, dass die Erinnerungen an die Taten von David, Bruder wie auch Sohn, nicht einfach und schnell in Vergessenheit geraten. Stattdessen klammern sich alle Dorfbewohner an dieser Grausamkeit fest und bestrafen seine Familie für all seine Handlungen, denn er ist schließlich selbst beim Amoklauf zu Tode gekommen. Es wird schnell deutlich, dass Myriam Keil ihren Fokus vorallem auf die Gefühlswelt der Protagonistin und ihrer Familie legt, die vorallem an den "Mobbingattacken" und Demütigungen, zu zerbrechen scheint. Ich fand die Idee hinter den Seiten gelungen, perfekt umgesetzt und wunderbar kritisch. Denn die Autorin spiegelt unsere heuteige Gesellschaft einfach genau wieder. Man würde wohl niemals daran denken, wie brutal Kinder und Jugendliche zueinander sein können und wie weit sie bereit sind zu gehen. Mir war das durchaus bewusst, da auch ich einmal ein Opfer von grausamen Mobbingattacken war. Doch viele Menschen verdrängen dies einfach. Besonders die Familien, dessen Kinder Opfer dieser Attacken werden. Sie gestehen sich nicht ein, dass ihr Kind zu den Außenseitern gehört. Ich finde deshalb, dass Myriam Keil mit ihrer Idee genau das auf den Punkt gebracht hat, was die Meisten von uns irgendwo alle wissen, doch sich nicht eigestehen. Wir suchen immer einen Schuldigen, einen den wir für besimmte Taten verantwortlich machen können, dabei sollten wir uns ersteinmal selbst ansehen und schauen, in wie weit wir überhaupt richtig und moralisch handeln. Deshalb kann ich auch bei der Idee und der Umsetzung von der Autorin nur festhalten, dass ihr ein erstklassiges Buch gelungen ist, das Kritik durch Gefühle und Emotionen hervorhebt und thematisiert.


Charaktere:
Hauptsächlich liegt in diesem Buch der Fokus auf Maike, der Schwester des Amokläufers.Vorallem ihre Gefühle werden deutlich hervorgehoben. Nach dem Amoklauf an ihrer Schule, ist nichts mehr wie es einmal war. Ehemalige Freunde gehen ihr aus dem Weg, werfen ihr scheue und anklagende Blicke zu. Keiner will mit ihr gesehen werden und so kommt es dazu, dass sie immer und immer mehr von allen isoliert wird. Dies hilft ihr nicht gerade aus ihrer tiefen Depression zu finden. Im Gegenteil: Es zieht sie mehr und mehr herunter. Selbst ihr letzter Anker, ihr Freund Jannick, wird für sie mehr und mehr zu einem Fremden. Denn seine beste Freundin Sandra, intrigiert gegen Maike und setzt das Gerücht in die Welt, sie habe von Anfang an, von den Plänen ihres Bruder gewusst. Dazu kommt, dass der Beste Freund von Jannick wegen dem Bruder von Maike nun gelähmt ist. Und wäre dies alles noch nicht schlimm genug, bieten auch Maikes Eltern ihr wenig Trost, die sich hinter einer gespielten Normalität verstecken. All diese Tatsachen, machen Maike für den Leser unglaublich menschenlich. Man fühlt in wirklich jeder Situation mit ihr und hofft darauf, dass sie sich selbst nicht verliert und nie aufgibt zu kämpfen, wobei dies auch immer schwieriger wird, denn das Schicksal scheint es nicht gut mit ihr zu meinen. Ich habe jedenfalls voll und ganz mit Maike gefühlt und mich mit ihr, in ihr Leben saugen lassen. Dieses Buch und vorallem der Charakter der Hauptfigur, haben mich angerührt, wie schon lange kein Buch mehr. Ich habe gezittert, war wütend, war traurig, war glücklich, ängstlich und genauso auch verzweifelt. Selten schafft es ein Buch, mich so emotional zu packen besonders auf emotionaler Ebene. Aber diese außergewöhnliche Buchheldin hat es mir auch nicht schwer gemacht. Denn trotz ihrer ganzen Vergangenheit, bleibt sie eine Kämpferin, lässt sich nicht beirren und tritt für das ein, was ihr Leben ausmacht. Maike ist mir wirklich sehr ans Herz gewachsen und ich habe ihr das Ende wirklich von Herzen gegönnt - aber das müsst ihr dann schon selbst entdecken.


Fazit:
"Nach dem Amok" ist ein überraschendes, emotionales und schockierendes Buch über das Leben der Familie eines Amokläufers. Dabei zeichnet sich die Geschichte durch eine liebevolle und starke Protagonistin aus, die sich nicht feige hinter einer vorgetäuschten Normalität verstecken will, sondern sich mutig und tapfer den Erinnerungen stellt. Dabei befördert sie sich schnell an den Rand einer Gesellschaft, wird zum Außenseiter und setzt sich mehr und mehr einer tiefen Depression aus. Der Autorin ist hiermit ein atemberaubendes Buch gelungen, hinter dessen Seiten sich eine bewegende Geschichte verbirgt die besonders durch den schönen, poetischen und glaubhaften Schreibstil unterstrichen wird. Ich kann dieses Buch wirklich jedem ans Herz legen, der sich einmal kritisch mit der Gegenposition eines solchen Szenarios auseinandersetzen will und im Kontrast mal das Leben der Familie des Täters entdecken möchte. Jedoch wird er dabei auf einige schockierende Wahrheiten stoßen, über Grausamkeiten und Emotionen stolpern und am Ende jedes Kapitels, aufs neue gezwungen sein, zu reflektieren und über das gelesene nachzudenken. Doch für mich hat genau dieser Prozess, dieses Buch so gut gemacht. Denn die Geschichte um Maike und ihre Familie packt einen mit Haut und Haaren und eröffnet so ein ganz anderes Leseerlebnis.



Facts:
Myriam Keil, geboren 1978 in Pirmasens, wuchs in der Pfalz auf, studierte in Münster und lebt seit 2002 in Hamburg.

Für ihre Gedichte und kürzeren Einzeltexte, die sie bei kleineren Verlagen, diversen Anthologien und Literaturzeitschriften veröffentlichte, wurde sie mit zahlreichen Literaturpreisen und Stipendien ausgezeichnet – unter anderem dem Hamburger Förderpreis für Literatur, dem Literaturpreis Prenzlauer Berg sowie dem Förderpreis zum Sylter Inselschreiber-Stipendium. “Nach dem Amok“ ist ihr erster Jugendroman.
[Quelle: randomhouse.de]



Homepage der Autorin:
myriam-keil.de


Produkstionsinformationen:

  • Taschenbuch: 288 Seiten
  • Verlag: cbt (18. April 2011)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3570307425
  • ISBN-13: 978-3570307427
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: Ab 12 Jahren
  • Größe und/oder Gewicht: 18,2 x 12,4 x 3 cm
  • Buch: "Nach dem Amok" bei Amazon.de HIER


Mein herzlicher Dank, für dieses Leseexemplar geht an die Autorin "Myriam Keil" &:



Eure Jenny

Viel Spaß beim Stöbern und Entdecken...

3 Wortgeflüster

  1. Stimmmmt, *g* "Überleben" is keine Dystopie. ;) Ich nehms wieder raus, danke für den Hinweis!
    Würde mich freuen, wenn du mitmachst!
    Liebe Grüße
    Caro

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  2. Wunderschöne Rezi! Ich fand es auch so gut...
    Wirklich erstaunlich, was so ein Roman alles bewirken kann...
    GLG,

    Charlousie

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  3. WOW! Dein neues Design hat mich mal eben kurz umgehauen :D Ich sehe schon, ich muss Dich öfter besuchen kommen ;) LG, Katarina :)

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