Rezension: "Die Stadt der verschwundenen Kinder" - Caragh O´Brien

7/03/2011 06:38:00 nachm.

Langsam drehte er sich wieder zu ihr um und sagte mit leerem Blick: "Du hast immer eine Wahl, Gaia. Du kannst immer Nein sagen." Seine Stimme klang seltsam hohl. "Sie können dich dafür töten, aber du kannst Nein sagen."

Erster Satz:
Im Halblicht der ärmlichen Hütte zwang sich die Frau, ein letztes, qualvolles Mal zu pressen, und das Baby glitt heraus, in Gaias griffbereite Hände.

Inhalt:
Gaia lebt zusammen mit ihrer Mutter und ihrem Vater, im Armenviertel, vor der Mauer der Enklave. Wie ihre Mutter, ist die junge Gaia Hebamme in ihrem Sektor. Dazu bestimmt Kinder zur Welt zu bringen und die Drei erstgeborenen jedes Monats an die Stadtmauern zu bringen. Denn den Ersten drei Neugeborenen ist ein Leben in der Enklave, in Reichtum und Wohlstand vergönnt. Gaia schmerzt es sehr, dass sie den Müttern ihre Kinder nehmen muss, doch sie hat gelernt der Enklave zu dienen und keine Fragen zu stellen. Als sie eines Tages von einer Geburt nach hause kommt und von einem Soldaten erfährt, dass ihre Eltern festgenommen wurden, verändert sich ihre Welt schlagartig. Auf einmal sind da Fragen, Fragen auf die keiner ihr antworten will. Besorgt um ihre Eltern, und mit dem festen Willen sie zu befreien, schleicht sich Gaia in die Welt hinter der Mauer und stößt auf grausame Entdeckungen. Bald schon fängt sie an, an der Enklave zu zweifeln und nach Antworten zu suchen. Was haben ihre Eltern zu verbergen, dass sie festgenommen und zum Tode verurteilt wurden? Was will der junge Soldat von ihr? Und was für Geheimnisse lauern in den Tiefen des Staates?

Gaia schlittert nach und nach, in ein spannendes und atemloses Abenteuer, voller Gefahren und Geheimnissen.

Schreibstil:
Die Autorin Caragh O´Brien hat einen angenehmen Schreibstil, den ich als Leser sehr genossen habe. Mit einer Leichtigkeit, führt die Autorin ihre Leser in die Welt von Gaia und Leon. Ehe man sich versieht, ehe man das erste Kapitel hinter sich gelassen hat, findet man sich mit Haut un Haaren in der Welt der Protagonistin wieder und lässt unmerklich, Seite um Seite hinter sich. Dabei ist der Schreibstil der Autorin weder besonders poetisch, noch bildhaft - dafür aber besonders hervorstechend durch seine Leichtigkeit und Klarheit. C. O´Brien schreibt ohne große Umschweife und genau jenes, macht dieses Buch lesenswert. Man kann sich ohne viele, langatmige Beschreibungen, direkt auf die Buchwelt einlassen und vergisst so schnell alles um sich herum.


Idee/Umsetzung:
Die Idee der Autorin, in dieser dargestellten, dystopischen Welt ist nicht neu, besticht jedoch vorallem durch eine gut durchdachte Grundidee, die durch einen präzisen Aufbau und Beschreibungen gestützt wird. Caragh O´Brien erschafft eine Welt, in welcher Klassengesellschaften den Tag beherrschen. Die Menschen, die in den Mauern der Enklave wohnen, sind zu Höherem bestimmt und leben in Wohlstand und Reichtum. Doch die, welche hinter der Mauer leben, müssen ein Leben in Armut über sich ergehen lassen. Als ob dies nicht genug wäre, müssen die Menschen vor den Mauern, jeden Monat ihre ersten drei Neugeborenen an die Enklave abgeben. Diese Kinder sehen sie nie wieder, denn die Tore der Enklave dürfen die Armen nicht passieren.

Ich fand diese dystopische Zukunftsvision erschrecken und schockierend zugleich. Der Spalt zwischen den beiden Klassen ist unumwindlich und die Macht liegt in der Hand des Protektors. Ein wenig erinnert diese Idee an die darmaligen Verhältnissen im Mittelalter, mit dem Unterschied, dass die Armen ihre Kinder abgeben müssen. Aber genau dieser Unterschied zeichnet die Geschichte schließlich aus. Hinter der Abgabe der Neugeborenen, versteckt sich eine komplexe und sehr durchdachte Idee der Autorin. Die Absichten und Ziele der Enklave, mit den abgegebenen Kindern und die Rolle von Gaia und ihren Eltern, birgt eine glaubhafte, komplexe Geschichte, voller Geheimnisse. Nach und nach, begleitet die Autorin ihre Leser durch ein Abenteuer, in welchem Rätsel gelöst werden müssen und sich nach und nach immer mehr Antworten ergeben, die einen verschreckt und neugierig zurücklassen. Ich kann demnach nur sagen, dass mich die Geschichte von Caragh O´Brien sehr gefesselt und bewegt hat. Mir ist es sehr schwer gefallen, dass Buch aus der Hand zu legen, einfach weil mich die Geschichte um Gaia und Leon sehr berührt hat. Besonders nachdem, ziemlich offenen und spannenden Ende der Geschichte, blieb ich mit klopfendem Herzen zurück und schweifte noch einige Minuten in der Welt von Gaia umher - schon jetzt fehlen mir Gaia und Leon sehr! Ich weiß, dass ich nun voller Sehnsucht auf den Folgeband warten werde, der hoffentlich nicht allzu lange auf sich warten lässt.


Charaktere:
Die Charaktere in "Die Stadt der verschwundenen Kinder" sind genau so, wie man es in einer Dystopie erwartet. Die Protagonistin: "Gaia" ist eine starke, mutige und schlaue Hauptfigur der Geschichte und versüßt einem buchstäblich das Lesevergnügen. Man erfährt von Gaias Vergangenheit, ihren Gefühlen und ihren Wünschen. Man erfährt, dass sie durch eine große Narbe, einer Verbrennung aus Kindheitstagen, von anderen Kindern immer missbilligt und als "Missgeburt" beschimpft wurde. Keiner wollte etwas mit dem "Monster" zu tuen haben, keiner wollte mit ihr gesehen werden. Diese Gedanken und Missbillungen der Anderen setzen Gaia immer wieder zu und lassen sie traurig und enttäuscht zurück. Deshalb fällt es ihr mehr als einmal, sehr schwer, anderen Menschen in ihrem Umfeld zu vertrauen. Was jedoch besonders hervorstricht, dass Gaia trotz aller negativen Erfahrungen in der Verganheit sehr selbstbewusst und mutig ist. Beide Eigenschaften machen sie für den Leser, zu einer sehr sympathischen Protagonistin, mit der man sehr gerne durch die Seiten dieses Abenteuers stampft. Doch auch ihre männliche Gegenfigur: "Leon" besticht den Leser durch seine liebevolle Art und seine persönliche Geschichte. Nach und nach deckt man, zusammen mit Gaia immer mehr Bruchstücke aus der Vergangenheit von Leon auf, so dass es einem nicht schwer fällt, auch ihn in sein Herz zu lassen. Doch nicht nur diese beiden Buchfiguren machen dieses Buch zu einer starken und außergewöhnlichen Geschichte. Auch viele, starke, mutige und herzliche Nebenfiguren, schüren die Sympathie für dieses Buch und seine Geschichte.

Cover/Innengestaltung:
Bei der Gestaltung dieses Buches, hat man sich deutlich, sehr viel Mühe gegeben. Besonders die Innengestaltung erleichtert dem Leser den Einstieg in die Geschichte. Deshalb will ich zuerst etwas dazu sagen. Um dem Leser einen besseren Überblick über das Geschen zu verschaffen, hat man am Anfang des Buches eine Karte abgedruckt, die Gaias Welt zeigt. Zusätzlich schmückt ein Inhaltsverzeichnis und die, sehr süße, Verzierung zu beginn jedes Kapitels das Buch. Ich fand insgesamt, dass
"Die Stadt der verschwundenen Kinder" eine sehr gelungene und ausführliche Gestaltung für seine Leser aufweist, die einem das Lesen und Verstehen dieser Geschichte sehr erleichtert, so dass man sich gerne mit Gaia und Leon in das Abenteuer stürzt.



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Leider finde ich jedoch das Cover nicht sehr gelungen. Zum Einen liegt dies daran, dass dieses Cover von einem Anderen 1:1 übernommen wurde. Hierbei handelt es sich nicht einmal um das gleiche Buch oder ein anderes Werk der Autorin, sondern um eine ganz neue, andere Geschichte. Diese Tatsache finde ich eher negativ, denn sie stiftet beim Leser sehr viele Verwirrungen, die schließlich darin münden, dass man die beiden Bücher sehr leicht verwechselt. [Wer sich hierfür interessiert, der findet das Buch hier: "Glimmerglass" - Jenna Black] Aber auch davon abgesehen, finde ich das Cover nicht gerade passend zum Inhalt. Hier muss ich deutlich zugeben, dass ich die englischen Cover durchaus passender finde, auch wenn das deutsche Cover sehr schön aussieht.



Weitere Cover:




Fazit:

"Die Stadt der verschwundenen Kinder" von Caragh O´Brien ist ein gelungener Auftakt einer Serie, der definitiv Lust auf mehr macht. Dabei zeichnet sich diese dystopische Welt durch starke, mutige, liebevolle und sympathische Figuren aus, die den Leser auf seiner Reise durch Gaias Abenteuer begleiten. Der klare, präzise Schreibstil und die gelunge Aufmachung des Buches, erleichtern es einem, sich voll und ganz auf die Geschichte der Autorin einzulassen und binnen Minuten, Zeit und Raum hinter sich zulassen. Ich habe jede Seite dieses Buches genossen und mit viel Spaß und Spannung die Rätsel und Geheimnisse um Gaia und ihre Welt entdeckt. Deshalb empfehle ich dieses Buch jedem, der auf der Suche nach einer schönen, gelungenen und gut durchdachten Dystopie ist. Denn ein gutes Buch zeichnet sich dadurch aus, dass es den Leser selbst nach der letzten Seie, nicht mehr loslässt - und dies ist diesem Werk voll und ganz gelungen. Es hat mich mit Haut und Haaren in die Geschichte gesaugt und lässt mich nun, immernoch ein wenig verstört zurück, mit der vollen Sehnsucht auf den zweiten Band.



 
Facts:
Caragh O’Brien wuchs in Minnesota auf und studierte Literatur und Kreatives Schreiben. Nach dem Studium begann sie als Highschool-Lehrerin zu arbeiten und entdeckte nebenbei die Freude am Schreiben. »Die Stadt der verschwundenen Kinder« ist ihr erstes Jugendbuch und hat in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien viel Aufsehen erregt. Caragh O’Brien ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt mit ihrer Familie und zwei Wüstenrennmäusen in Connecticut.
[Quelle: Heyne-fliegt.de]





Homepage der Autorin:
caraghobrien.com


Produktionsinformationen:
  • Gebundene Ausgabe: 464 Seiten
  • Verlag: Heyne Verlag (24. Januar 2011)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 9783453528000
  • ISBN-13: 978-3453528000
  • ASIN: 345352800X
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: 14 - 16 Jahre
  • Originaltitel: Birthmarked
  • Größe und/oder Gewicht: 22 x 14,4 x 4,4 cm
  • Buch: "Die Stadt der verschwundenen Kinder" bei Amazon.de - HIER!


Eure Jenny

Viel Spaß beim Stöbern und Entdecken...

6 Wortgeflüster

  1. Ich habe letztens erst eine Leseprobe zu dem Buch gelesen und fands auch eigentlich ganz gut...deine Rezension hat mich jetzt nochmal überzeugt und ich werd demnächst mal schauen, ob ich es mir auch besorge :))
    Das Cover finde ich eigentlich ganz schön, aber dass es schonmal so benutzt und direkt übernommen wurde finde ich auch nicht so toll...
    Liebe Grüße,
    Belle

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  2. Danke für deine schöne Rezi - das Buch steht eh schon auf meiner Wunschlsite.

    LG Kerry

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  3. Das Buch liegt auch noch auf meinem SUB und da ich bisher wirklich nur begeisterte Rezensionen gelesen habe, lese ich es glaube ich echt bald :)
    Macht ja nix, dass du das mit dem Link vergessen hast :)
    Liebe Grüße Caro

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  4. Huhu!
    Wow, was für eine tolle und ausführliche Rezension!
    Das Buch subbt bei mir wieder, nachdem ich die ersten ca. 50 Seiten gelesen habe und mit dem Schreibstil nicht wirklich klar kam. Wird aber sicher noch einmal in Angriff genommen.

    LG David

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  5. ich danke dir auch für deine rezi zu dem buch, es steht auch bei mir auf der wunschliste...
    finde es aber auch nicht so toll wenn das cover 1:1 schonmal übernommen wurde...
    lg angela

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  6. Ich finde deine Rezensionen wirklich toll, da sie so ausführlich sind und weil du auch Cover und Gestaltung aufgreifst. Ein interessanter Aspekt, der meistens unberücksichtigt bleibt.
    Nach dieser Rezension bin ich noch überzeugter, dass ich dieses Buch lesen muss.

    Liebe Grüße
    Katze

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