[Rezension] "Vergissdeinnicht" - Cat Clarke

4/22/2012 02:11:00 nachm.


Ethan drehte sich zu mir um. "Ich bin nicht sauer auf dich, Grace. Ich wünschte nur, du wärst ehrlich - wenn nicht zu mir, dann doch wenigstens zu dir selbst. Was glaubst du, zu was du an der Grenze bist?" Und bevor ich auch nur darüber nachdenken konnte, schoss die Antwort aus meinem Mund: "Zur Wahrheit."



Erster Satz:
Ich traf Ethan in der Nacht, in der ich mich umbringen wollte.


"Vergissdeinnicht" von Cat Clarke bei Amazon.de
Als Grace erwacht, findet sie sich in endloser, erdrückender Weiße wieder. Ein Raum mit weißen Wänden, einem weißen Tisch, einem weißen Stuhl, einem weißen Bett, einem weißen Badezimmer und vor ihr: weißes Papier und ein Stift. Benommen, erinnert sie sich nicht daran, wie sie hierher gekommen ist, noch was sie hier soll. Drei Mal täglich kommt ein Junge in den trostlosen, weißen Raum. Sein Name ist Ethan. Er bringt ihr Essen, Kleidung und kümmert sich um sie. Grace weiß nicht, was sie von ihm denken soll. Warum hält er sie fest? Wurde sie entführt? Warum sagt er so rätselhafte Sachen zu ihr? Langsam aber sicher beginnt das junge Mädchen, ihre Zeit zu nutzen und ihre Geschichte nieder zu schreiben. Sie erzählt aus ihrem Leben und langsam, ganz heimlich, schleicht sich die Erinnerung zurück und das Rätsel um ihren Aufenthalt bekommt immer mehr Kontur. Sie erinnert sich daran, dass sie Ethan kennenlernte, an dem Tag, an dem sie sterben wollte...




Aber dies ist nicht der Anfang einer gewöhnlichen Geschichte, es ist viel mehr als das. Es ist der Anfang eines außergewöhnlichen Werkes, das tief unter die Haut geht, berührt, ergreift und einen schmerzhaft wachrütteln will.  

Idee / Umsetzung:
Manchmal beginnt man ein Buch zu lesen, ohne wirklich zu wissen oder eine Ahnung davon zu haben, was einen hinter den Seiten erwartet. Es liegt nicht daran, dass man sich nicht mit dem Buch auseinander gesetzt, nicht den Klappentext oder das Cover, voller Eindringlichkeit, betrachtet hätte. Es liegt viel mehr daran, dass weder der Klappentext, noch das Cover eine Aussage von Bedeutung treffen. So war es für mich auch bei "Vergissdeinnicht". Sehr unscheinbar, sehr geheimnisvoll zeigte sich mir diese Geschichte. Trotzdem fühlte ich mich angesprochen. Vielleicht eben deshalb, weil ich wissen wollte, was sich hinter alldem versteckt. Also fing ich an zu lesen. Ich wusste weder welche Art von Geschichte mich erwarten würde, noch welche Wirkung jene auf mich haben könnte. Ich muss wohl gestehen, dass ich mir nicht viel erhofft hatte. Ich dachte mir, dass sich eine leichte Handlung, begleitet von einer netten Liebesgeschichte vor meinen Augen aufbauen würde. Aber wie falsch ich damit liegen würde, wusste ich am Anfang noch nicht. "Vergissdeinnicht" ist weder eine leichte Lektüre, noch ein Buch, welches man jemals wieder vergessen könnte. Es erzählt nämlich eine ganz besondere Geschichte, die sich nach und nach, ganz heimlich aufbaut und auf das große Ende zusteuert - Der Showdown: der nicht nur seine Leser, noch Tage danach, fesseln wird. Es fällt mir schwer etwas von der Idee zu erzählen, denn bei diesem Werk, kann man nicht viel sagen. Ich würde euch die Reise nehmen, auf die ihr euch an dieser Stelle selbst begeben müsst. Denn wenn ihr nicht selbst, Seite für Seite, durch die Erinnerungen von Grace wandert, werdet ihr nicht dieses ergriffene Gefühl teilen können, von welchem ich am Ende ganz gefesselt war. Ich kann nur sagen, dass die Idee, die sich hinter jedem Buchstaben, lauernd verstreckt, einfach grandios ist. Niemals hätte ich damit gerechnet, auch wenn die Befürchtung mich das ganze Buch lang begleitet hat. Tief in mir wusste ich ganz genau was sich am Ende verbirgt und was ich zu erwarten hatte, aber genau wie die Protagonistin, wollte ich es nicht wahrhaben, wollte ich es nicht in mein Bewusstsein dringen lassen. Ich kann nur sagen, dass Idee und Umsetzung nicht gleich das sind, was sie zu sein scheinen, sondern bei weitem besser als alles, was man überhaupt erwarten kann.

Schreibstil:
Der Schreibstil der Autorin ist zunächst sehr gewöhnungsbedürftig und manchmal war ich an einem Punkt angelangt, an welchem ich einfach nicht mehr, begleitet von diesen Wörtern, lesen wollte. Grace schildert ihre Sicht und erzählt uns ihre Geschichte aus der Ich-Form. In Tagebuch ähnlichen Einträgen, berichtet sie ganz unreflektiert, ganz ungeschönt aus ihrer Erinnerung. Dabei nimmt sie kein Blatt vor den Mund. Sie berichet ganz offenen über ihre Krankheit, über ihre Einsamkeit, über ihre Macke, immer wieder Jungs abschleppen und mit ihnen schlafen zu müssen. Dabei bedient sie sich fortwährend einer, nicht gerade schönen, Umgangssprache. Da ich nicht gerade ein großer Anhänger, eben dieser Umgangssprache bin, ist es nicht verwunderlich, dass ich meine Probleme damit hatte. Aber rückblickend muss ich einfach gestehen, dass gerade dieser, unreflektierte, ehrliche Schreibstil zu der Geschichte, zu der Handlung und zum Charakter von Grace gepasst haben. Es wird gegen Ende mehr als klar, dass es weniger die normale Art der Autorin ist, ihre Idee zu erzählen, als viel mehr ein passendes Mittel, die Atmosphäre und Authenzität der Geschichte zu unterlegen. 

Charaktere:
"Entangled" von Cat Clarke bei Amazon.deAlle Charakter, uneingeschränkt, sind ähnlich wie der Schreistil, sehr gewöhnungsbedürftig. Keine der Figuren ist besonders liebenswert oder sympathisiert mit dem Leser. Stattdessen sind alle Buchfiguren sehr hart und kantig ummalt und haben ihre ganz eigenen, irgendwie komischen Macken. Besonders Grace ist ein sehr eigener Charakter, den man zu beginn so gar nicht verstehen kann. Doch je weiter die Geschichte fortschreitet, je mehr man aus ihrem Leben erfährt, desto mehr lernt man sie zu verstehen und ihre Handlungen zu akzeptieren. Sie hat kein einfaches Leben, denn seit dem Tod ihres Vaters, hat sich ihr ganzes Leben, ihre ganze Einstellung verändert. Ich würde gerne mehr erzählen, doch auch an dieser Stelle finde ich, wenn ich zu viel verrate, könnte ich euch das wichtigste hier nehmen: Die eigene Reise, auf der Suche nach antworten. Diese Geschichte lebt nämlich vorallem dadurch, dass man nach und nach, immer mehr erfährt und sich die einzelnen Punkte verknüpfen. Ich kann nur soviel sagen, dass die Figuren, genau wie der Schreibstil, zunächst sehr unschön erscheinen. Es gibt keinen Charakter bei dem man sich ganz sicher ist. Aber am Ende hat man dann doch Verständnis. Nicht für alle, aber einiges wird klarer und eröffnet dem Leser eine Akzeptanz, vorallem gegenüber Grace, die zunächst sehr verzogen und unaufrichtig scheint. Am Ende ist alles Lug und Trug. Am Ende ist alles Anders. Denn jeder hat seine eigene Geschichte und Geschichten formen schließlich ein Leben. Sie kratzen an der Oberfläche und geben unserer Fassade Risse. Risse die ein Fremder nicht direkt erkennen kann. Als Leser, sind wir zu beginn, eben dieser Fremder. Doch am Ende liegen alle Karten auf dem Tisch und man beginnt zu verstehen.


Cover / Innengestaltung:
Es kommt selten vor, dass mir die deutsche Ausgabe besser gefällt als die Englische. Aber in diesem Fall ist es so. Die schlichte Version, mit dem weißen Eindband, der gefüllt ist, von hauchdünnen, geschriebenen Wörtern, die man zunächst gar nicht erkennt, passt viel besser zur Geschichte, als das englische Cover, mit diesem Mädchen, das in meinen Augen, so gar nichts mit Grace gemeinsam hat. Zwar gefällt mir das Model, vorallem weil es so eine tolle Haarfarbe hat und auch sonst finde ich das Cover generell nicht schlecht, aber es passt einfach nicht zur Handlung hinter den Seiten und deshalb muss ich sagen, ist das deutsche Titelbild, auch wenn es sehr unscheinbar ist, viel schöner und demnach die bessere Umsetzung. 
Die Innengestaltung weißt keine besonderen Elemente auf. Statt Kapiteln, werden die einzelnen Abschnitte mit den Tageszahlen ausgezeichnet, die Grace im weißen Raum verbringt: "Tag 26", zum Beispiel. Die Abschnitte, in denen Grace vom weißen Raum erzählt und jene, die ihre Erinnerungen darlegen, sind durch deutliche Absätze voneinander getrennt. Demnach habe ich auch hier nichts zu bemängeln.

Manchmal erwartet man etwas ganz anderes, als man am Ende bekommt. Aber nicht in jedem Fall ist das etwas Schlechtes. Bei "Vergissdeinnicht" von Cat Clarke, ist es sogar etwas sehr Überzeugendes. Man wird regelrecht mit Haut und Haaren, in eine spannende, bewegende und ganz erfrischende, einzigartige Geschichte gezogen. Eine Geschichte, die wie ein Sog, von allen Gedanken besitz ergreift und sie in einer tiefen Nachdenklichkeit zurücklassen. Dieser Roman ist in keiner Hinsicht gewöhnlich. Ausgezeichnet durch einen sehr eigenen, unreflektierten und ehrlichen Schreibstil, außergewöhnlichen, ungeschönten Charakteren und einem, bis zum Ende fortwährenden Rätsel, überzeugt dieser Debütroman, von Cat Clarke, auf voller Linie. Auch wenn ich an einigen Stellen das Gefühl hatte, dass sich die Handlung etwas gezogen hat, so finde ich doch, dass am Ende alle Komponenten, das perfekte Zusammenspiel geliefert haben. Ich lege diesen Roman jedem wärmstens ans Herz. Denn nichts ist, wie es scheint. Auch "Vergissdeinnicht" eröffnet viele Facetten, Ansichten und Gedanken, die man zunächst nicht erwartet hätte und kann somit das Leserherz für sich gewinnen. 
Wenn eine Geschichte, dich selbst nach der letzten Seite, noch fest mit ihren Worten gefangen hält, wenn dich das Schicksal einer Figur, die du am Anfang weder richtig verstehen, noch wirklich leiden konntest, so sehr berührt, dass es dir die Tränen in die Augen treibt und du diesen tiefen Schmerz in deiner Brust hast, dieses Mitleid, dann hast du wahrlich ein Buch in der Hand, welches es sich zu lesen gelohnt hat. Denn genau das macht eine wirkliche, echte und gute Geschichte aus: Das sie die Macht hat, dein Leben zu beeinflussen, dein Herz zu berühren.

Das Buch in Worten:
Unerwartet, schockierend, bewegend, ergreifend








http://www.catclarke.com/Cat Clarke wurde 1978 in Sambia geboren und wuchs in Edinburgh und Yorkshire auf. Nach dem Studium arbeitete sie in London für einen Kinderbuchverlag und schrieb selbst Sachbücher für Kinder. Inzwischen lebt sie wieder in ihrer alten Heimat Edinburgh, wo sie sich neben ihrem Hund und ihren beiden Katzen auch um ihre selbst gegründete Literaturagentur für junge Autoren kümmert. Ihr Debütroman "Vergissdeinnicht" wurde in Großbritannien begeistert von der Presse aufgenommen und sofort zu einem großen Erfolg. 
[Quelle: Klappentext]






Seite der Autorin:




Trailer:





Über...

Taschenbuch: 288 Seiten
Verlag: Bastei Lübbe (Lübbe Paperback); Auflage: 1 (16. März 2012)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3785760612
ISBN-13: 978-3785760611
Originaltitel: Entangled
Größe und/oder Gewicht: 21,4 x 13,6 x 2,6 cm 
Meine Altersempfehlung: Ab 14 / 15 Jahren
Genre: Junge Erwachsene, Realität
Band einer Reihe: Nein

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Eure Jenny

Viel Spaß beim Stöbern und Entdecken...

9 Wortgeflüster

  1. Ach, seit dem du das erste Mal von diesem Buch erzählt hast, hat es mich auch schon angesprochen. Nach deiner schönen Rezi bloß noch mehr. Solche tiefer gehenden Geschichte mag ich total gerne und das Buch kommt auf jeden Fall auf meine Wunschliste!

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  2. Wow, das klingt atemberaubend. Ich habe die Rezi nicht komplett gelesen, weil ich das Buch unbedingt noch lesen möchte und da eher ohne besondere Erwartungen oder Vorahnungen herangehen möchte. Aber es klingt definitiv lesenswert und auch sehr nach einem Kopf-/Bauchbuch, liege ich da richtig? :)

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  3. @captain cow

    Ja da liegst du richtig!
    Das ist definitiv ein Buch für dich! ;)
    Aber diesmal musste ich mir wirklich Mühe geben, dass ich nichts verrate aus der Geschichte, weil ich einfach finde, dass man bei dem Buch nichts wissen darf, wenn man startet. Deshalb verrät die Rezension zwar nichts, aber trotzdem hast du recht, sie ist sehr hoch und kann die Erwartung an das Buch natürlich bestärken.

    Bin auf deine Meinung sehr gespannt!
    Liebste Grüße

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  4. Eine wirklich schöne Rezension, da bekomme ich direkt Lust auch in die Geschichte einzutauchen. Landet mal ganz oben auf meine Wunschliste. Liebe Grüße :)

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  5. Hach. Das hast du schön geschrieben. Denn genau so ein Buch ist das. Und du hast die passenden Worte dafür gefunden! :-)

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  6. Ich war gestern schon so ziemlich gespannt auf deine Rezension. Das Buch scheint dich richtig mitgenommen zu haben. Wahnsinn! Ich hoffe du konntest trotzdem einschlafen.

    Liebe Grüße,
    Tanja

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  7. Hey,

    eine sehr schöne Rezi hast du da geschrieben. Ich kenne das Buch bisher noch nicht, aber dein Text hat mir schon irgendwie kleine Schauer über den Rücken gejagt. Danke, das Buch landet auf jeden Fall auf meiner Liste!

    Liebe Grüße
    Sandy

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  8. Wow, tolle Rezension! *-*
    Das Buch muss ich haben! :))

    Liebe Grüße!
    Lydia

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  9. Oh gott, wie ich dieses Buch liebe. Eins meiner absoluten Lieblingsbücher. Ich lese es immer und immer wieder und bin hindurchgeflogen...man kann es kaum beschreiben.

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