Rezension: "Der dunkle Wächter" - Carlos Ruiz Zafón

5/06/2012 01:57:00 nachm.


Als Ismael spürte, wie sich der Geist des Hauses umfing, wurde ihm klar, dass alles, was sie bisher gesehen hatten, nur der Auftakt gewesen war. Es waren nicht der Engel und Lazarus´ übrige Automaten, die ihm Angst einjagten. Da war noch etwas in diesem Haus. Etwas Spürbares und Mächtiges. Etwas, das Hass und Wut ausstrahlte. Und irgendwie wusste Ismael, dass es auf sie wartete.



Erster Satz:
Liebe Irene, die Septemberlichter haben mich gelehrt, Deine Fußspuren in Erinnerung zu behalten, die von den Gezeiten hinweggespült wurden.



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Nach dem Tod ihres Vaters, sind Irene, ihr kleiner Bruder Dorian und ihre gemeinsame Mutter Simone, dazu gezwungen ihre alte Heimat, Paris, zu verlassen. Denn er hat ihnen einen großen Berg an Schulden hinterlassen. Am Rande der Existenz, leben die drei zunächst am Minimum. Doch dann scheint die Kleinfamilie das erste Mal Glück zu haben. Simone bekommt in einer Kleinstadt, weit außerhalb von Paris, an der Küste, eine Anstellung bei einem alten Spielzeugfabrikanten, Lazarus Jann. Er bietet ihr ein solides Gehalt, ein kleines Haus an der Küste und eine gute Ausbildung ihrer Kinder - der erste Lichtblick, seit einer dunklen Ewigkeit, deshalb willig die doppelte Mutter in das Angebot ein. 
Cravenmoore heißt das große, fast schon unheimliche Anwesen, welches verlassen im Wald der Kleinstadt liegt. Doch nicht nur das misteriöse und dunkle Anwesen, welches von tausend Spielzeugen und großen Erfindungen des Fabrikanten zugestellt ist, scheint mehrere Geheimnisse zu bergen. Die Kleinstadt wird beherrscht von Legenden und Geschichten. Als sich dann ein grausamer Mord in den Wäldern ereignet, scheinen alle Geschichten wahr zu werden und ehe sich Irene, ihr neuer Freund Ismael und ihre Familie besinnen können, stecken sie mitten in diesen Legenden. Bedroht von einer dunklen Macht, müssen die Vier schon bald dem Rätsel auf die Spur kommen, andernfalls müssen sie mit ihrem Leben bezahlen.



Idee/Umsetzung:
Wie oft wird dir ein Autor oder ein Buch immer und immer wieder wärmstens ans Herz gelegt? Wie oft nimmst du diese Empfehlungen wirklich augenblicklich wahr? Ich bekomme öfters Empfehlungen, die meistens auch immer direkt auf meinen Wunschzettel wandern. Doch wenn man alle Tipps und auch meine eigenen Entdeckungen zusammenrechnet, dann habe ich alleine schon davon, eine nahezu endlose Wunschliste. Auch Carlos Ruiz Zafón war einer dieser Autoren, die mir immer und immer wieder nahe gelegt wurden. Doch nie habe ich es wirklich ernst genommen. Dann vor ein paar Monaten, als "Der dunkle Wächter", als Taschenbuch erschien, habe ich mir endlich einen Ruck gegeben. Doch der Ruck hielt nicht lange und erneut geriet die Empfehlung in die Warteschleife und sortierte sich hinter allen anderen Tipps ein. Vor knapp zwei Wochen fühlte ich mich dann irgendwie angezogen. Irgendetwas flüsterte mir aus diesem Buch heraus zu. Ob es die dunkle Macht war, die hinter den Seiten schlummerte oder aber die sanfte, kleine Liebesgeschichte mich mit lieblichen Versprechungen lockte - ich weiß es nicht. Aber ich fing an zu lesen. Was mich erwartete war weit aus mehr, als ich gedacht hätte. Die Empfehlung entpuppte sich als kleiner Schatz, den ich nun bereit war zu entdecken. Ich stürzte mich also mit Irene und Ismael in dieses, sehr gruselige und düstere Abenteuer, welches von einer starken Idee, wie auch einem aussagekräftigen Schreibstil, Form und Kontur erhält. Zafón hat hier eine schöne Gruselgeschichte erschaffen, die von Legenden und Märchen nur so trotzt. Doch auch die Macht der Geheimnisse und etliche Rätsel, schaffen in dieser, sehr kurzwelligen Geschichte, die nötoge Atmosphäre, die den Leser in Spannung versetzt. Der Autor weiß genau, wie er alle seine Mittel in Verbindung setzen muss, um die Kulisse zu erschaffen, die seinem Werk, Individualität und Magie verleihen. Dabei fand ich es erstaunlich, wie schnell und gut man sich als Leser, inmitten dieser Seiten und Legenden, wie zu hause fühlen konnte. Schon nach einigen Sätzen, wurde man Eins mit Cravenmoore, Irene, Ismael und dem alten Spielzeugfabrikanten. Auch wenn ich den Eindruck hatte, dass dieses Buch an einigen Stellen etwas zu falch geblieben ist und demnach das gewisse Tröpfchen gefehlt hat, das diese Geschichte zu einem umwerfenden und unvergesslichen Werk macht, so wurde ich doch bis zur letzten Seite mit Rätseln und Geheimnissen hingehalten. Abschließend war "Der dunkle Wächter" also durchaus durchdacht, gelungen und stimmig. Die Idee des Autors wurde durch Kulisse und Atmosphäre gestützt, auch wenn die Umsetzungen an einigen Stellen etwas holprig verlief.



Schreibstil:
Englische Version
Ich weiß gar nicht so recht, wie ich den Schreibstil von Carlos Ruiz Zafón beschreiben soll. Jedes Wort hat mich verzaubert hinter den Seiten zurück gelassen. Denn in jedem Buchstaben, Wort und Satz steckt Magie. Dies ist an dieser Stelle auch nicht nur eine leere Rede. Ich glaube man muss einfach selbst ein Buch von dem Autor lesen um wirklich verstehen zu können wovon ich rede. Ich bin mir sicher, dass er euch, genau wie mich, sehr verzaubern und begeistern würde. Man merkt, dass der Autor sehr genau weiß, wie er sich die Macht der Wörter, zu nutzen machen kann, um sein Buch zu realisieren. Sehr gewand, leicht altmodisch aber doch unglaublich melodisch, entführt einen sein Schreibstil in die Buchwelt. Dabei baut sich jede Kulisse vor den Augen des Lesers auf und wird so zu einer greifbaren und spürbaren Landschaft, die man nach der letzten Seite nur sehr widerwillig verlässt. Allein schon wegen dieser Art die Wörter niederzuschreiben, sollte man wohl ein Buch von Zafón gelesen haben.



Charaktere:
Die Figuren in der Geschichte sind alle unglaublich liebenswert und genauso fantastisch und klangvoll unterlegt, wie das ganze Buch selbst. Jeder einzelne Charakter passt perfekt in die Geschichte, zum Schreibstil, wie auch der Atmospähre. Es macht Spaß, mal Irene, Dorian, Simone oder gar Ismael auf einer kleinen Passage zu begleiten und ihre/seine Gedanken und Geheimnisse zu teilen. Jedoch bleiben viele der Figuren, genau wie die Idee, teilweise hinter einer Gewissen, sehr flachen Ebene verborgen. Am Ende der Geschichte hatte ich deshalb nicht das Gefühl, dass ich wirklich tief in die Welt der Charakter eindringen konnte. Zwar erfährt man so einiges, aber irgendwie fehlt dieses besondere Etwas, was eine Figur am Ende unvergesslich macht. Trotzdem waren alle Charakter stimmig und haben so die Geschichte, auch wenn ohne großen Tiefgang, in ihrer Wirkung unterstützt.

Cover/Innengestaltung:
Die Innengestaltung bietet keine nennenswerte Darstellungen. Die Geschichte beginnt mit einem Brief und endet mit einem Brief, hier dargestellt durch kursive Schrift. Insgesamt ist das ganze Buch in ziemlich großer Druckschrift bedruckt - so hat man auch schnell mal ein Kapitel gelesen. Jedes Kapitel wird zudem durch eine Verzierung eingeleitet und eine Überschrift. Jene Verzierung, die auch in dem ersten, obersten, deutschen Cover, im Namenszug des Autors zu erkennen ist - der Drache.
Für mich ist das deutsche Cover definitiv am Schönsten. Die Farben, die Gestaltung - alles zusammen harmoniert und stellt genau die passende Atmophäre der Geschichte dar. Die restlichen Cover, bis auf das katalanische und italienische Titelbild, sind meiner Meining nach etwas flach und unbedeuted.


Weitere Cover:

Spanische VersionFranzösische VersionÄltere, deutsche Version
Spanische, katalanische VersionItalienische Version

 [Wenn ihr mit der Maus über die Cover fahrt, seht ihr die Version]


Manchmal sollte man einfach einmal eine Empfehlung ernst nehmen und ein Buch, eine(n) Autor(in) nicht in auf die Warteliste verschieben. Man sollte mutig sein, sich ein Herz fassen und einfach lesen. Dies hat mich "Der dunkle Wächter" gelehrt. Jahrelang, immer und immer wieder vor mich her geschoben, habe ich alle Empfehlungen in den Wind geschlagen und keine Notiz von Carlos Ruiz Zafón genommen, während eines seiner Werke in meinem Regal, nach und nach mehr Staub fing. Doch von Zeit zu Zeit, sollte man das Flüstern und die Versprechen die Bücher in den Raum schicken, nicht ignorieren. Denn einige, nicht beachtete Schätzen verbergen eine schlummernde, aufregende und atemberaubende Welt, die es nur zu entdecken gilt. "Der dunkle Wächter" war für mich eines dieser Werke, von denen man sich nicht viel erhofft, die einem dann aber ungaubliche Stunden bescheren. Ein faszinierender, magischer, leicht altmodischer, aber unglaublich bewegender und spannender Schreibstil, mit viel Tiefgang, unterlegen diese kleine, wenn auch sehr kurzwellige Geschichte, mit der passenden Stimmung und Atmosphäre. Dazu ein Hauch Legenden, Geheimnisse und Rätsel und schon ist ein schönes Buch geschaffen, für ein paar tolle Lesestunden. Mir wurde gesagt, dass es sich bei diesem Werk nicht um das Beste des Autors handelt und ich bin gespannt, was mich in seinen anderen Werken noch für Geschichten erwarten. Nur allzu gerne würde ich mich noch einmal von diesem Schreibstil in eine andere Welt locken lassen. Auch wenn dieses Buch von ihm, sehr kurzwellig und an einigen Stellen flach bleibt, so lege ich diese "Gruselgeschichte" jedem ans Herz, mit dem Rat: Schiebt diese Empfehlung bitte nicht, wie ich, auf die lange Bank. Schon der Schreibstil ist jede Reise wert.


Das Buch in Worten:
melodisch, klangvoll, harmonisch, spannend






>> Zur Seite des Autors


Carlos Ruiz Zafón wurde 1964 in Barcelona geboren und lebt heute in Los Angeles. Mit den großen Barcelona-Romanen ›Der Schatten des Windes‹ und ›Das Spiel des Engels‹ begeisterte er ein Millionenpublikum auf der ganzen Welt; seine Bücher wurden in über 40 Sprachen übersetzt. ›Das Spiel des Engels‹ stand wochenlang auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Nur kurze Zeit vor ›Der Schatten des Windes‹ schuf Carlos Ruiz Zafón den Roman ›Marina‹, der bereits die gleiche Magie und erzählerische Kraft verströmt.
[Quelle: carlosruizzafon.de]


Sehr sehenswert! - Die Seite des Autors:



Trailer:



Weitere Informationen:

Gebundene Ausgabe: 352 Seiten
Verlag: Fischer FJB; Auflage: 1 (28. September 2009)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3596853885
ISBN-13: 978-3596853885
Originaltitel: Las luces de septiembre
Größe und/oder Gewicht: 21 x 13,6 x 4 cm 
Genre: Grusel, Fantasy
Meine Altersempfehlung: Ab 14 Jahren
Band einer Reihe: Jaein
["Grusel"trilogie, aber alle Teile sind voneinander unabhägig]




Eure Jenny

Viel Spaß beim Stöbern und Entdecken...

5 Wortgeflüster

  1. ich habe bisher erst ein Buch von Carlos Ruiz Zafon gelesen, fand es aber unglaublich toll ... eine Zeit lang hat es sogar zu meinen absoluten lieblingen gehört. Vielleicht sollte ich mir auch bald noch mal ein Buch von ihm kaufen :-) sehr schöne rezi :-)

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  2. Nun denn, das Buch landet auf meiner Wunschliste. Leider habe ich kein Geld für Bücher, sonst würde ich es mir gleich bestellen. Deine Rezension ist wie immer toll. LG :)

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  3. Unbedingt "Der Schatten des Windes" lesen!! Es ist fantastisch!! "Das Spiel des Engels" ist auch empfehlenswert, aber nichts überragt ersteres Buch. ;)
    Bin gerade auf deinem Blog gelandet und begeistert. Hier sprechen mich sowohl das Layout, als auch deine ausführlichen, spannenden Rezis an. Großes Kompliment!

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  4. @Maggy

    Danke! Freut mich zu hören...
    Ich habe auch noch vor, diesen Monat "Der Schatten des Windes" zu lesen. Bin schon sehr gespannt drauf. Wenn alles gut geht, wird es mein nächstes Buch.
    Ich warte nämlich gerade noch auf ein anderes Buch, von dem ich den ersten Teil verschlungen habe...

    Freut mich übrigens sehr, dass dir mein Blog gefällt. Bin immer sehr stolz und beruhigt, wenn anderen gefällt, was ich mir hier erarbeite :)

    Wünsche dir alles Liebe!
    Jenny

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  5. Ich kann mich der Empfehlung von Maggy nur anschließen. "Der Schatten des Windes" ist ein wunderbares Buch und füllt die Bestplatzlisten so vieler Leser zu recht aus. Im Vergleich zum Schatten des Windes war ich vom dunklen Wächter sogar enttäuscht. Meiner Meinung nach wird der Schreibstil von Zafón erst ab dem Schatten des Windes so richtig ausgefeilt.

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