Rezension: "Der Mitternachtspalast" - Carlos Ruiz Zafón

12/06/2012 03:48:00 nachm.

 
"Ich weiß nicht mehr, ob diese Erinnerungen meine sind oder ob ich sie nur geträumt habe. Ich weiß nicht einmal, ob ich meine Verbrechen begangen habe oder sie das Werk eines anderen waren. Wie auch immer die Antworten auf diese Fragen lauten mögen, ich weiß, dass ich nie mehr eine Geschichte schreiben kann [...] Ich habe keine Zukunft, Ben. Kein Leben. Was du hier siehst, ist der Schatten einer toten Seele. [...]"
[S. 380]


Erster Satz:
Nie werde ich die Nacht vergessen, in der es schneite über Kalkutta.

Der Beginn einer gefährlichen und düsteren Geschichte, in den Straßen von Kalkutta: Ein Mann ist auf der Flucht, auf der Flucht vor dem Bösen. In seinen Armen: Zwillinge, ein Junge ein Mädchen. Für sie will er sein Leben geben, für sie will er längst verlorene Lebensenergien mobilisieren, denn jemand trachtet dem kleinen Geschwisterpaar nach dem Leben. Sie zu retten, ist oberste Priorität also schleicht er durch die Straßen, auf der Suche nach Rettung. 
16 Jahre später. Der Junge Ben, wächst im Armenviertel von Kalkutta auf und will dieses Jahr seinen 16. Geburtstag feiern. Jenen Geburtstag, der ihn zu einem rwachsen Mann machen soll. Mit diesem Alter, darf er das Waisenhaus, in welchem er behütet aufwuchs, verlassen. Dabei ist gerade jenes Waisenhaus, seine ganze Familie. Hier sind alle seine Freunde, mit denen er, in einem geheimen Versteck, dem Mitternachtspalast, einen Club gegründet hat. 
Eines Tages, als eine alte Dame, mit einem jungen Mädchen, vor den Türen des Waisenhauses eintrifft und hinter verschlossenen Türen, heimlich mit dem Leiter tuschelt, beginnt ein dunkles und fast vergessenes Kapitel, in den ärmlichen Straßen von Kalkutta. Denn Geheimnisse kommen immer ans Licht...

... und das Böse vergisst nicht.


Idee/ Umsetzung:
Rettungsanker. Die Retter in der Not. Die Helden der Lesestunden. Manchmal braucht man sie einfach: Bücher, von denen man einfach glaubt, sie könnten über schlechte Werke hinwegtrösten, sie könnten Leseflauten auskurieren. Lektüren von den Lieblingsautoren. Denn schließlich wären sie wohl nicht unsere liebsten Schreiber, wenn uns ihre Werke nicht jedes Mal verazubern könnten. Auf der Basis dieser Gedanken, griff ich vor ein paar Wochen zu "Der Mitternachtspalast" von Carlos Ruiz Zafón. Ich war auf der Suche nach einem erneuten Werk, welches mein kleines Leserherz zum Schlagen und Rasen bringen sollte. Es handelt sich hierbei um das Zweite und damit, eines seiner ältesten Werke. Doch davon wollte ich mich nicht irritieren lassen. Aber was mich am Ende, zwischen den Buchstaben, erwartete, war leider viel, viel weniger, als ich jemals gedacht hätte. Denn entgegen jeder Erwartung, war dieses Werk eher eine herbe Enttäuschung, als der ersehnte Rettungsanker. Dabei ist die Idee gar nicht so schlecht, sondern einfach nur sehr mittelmäßig umgesetzt. Die Handlung überschlägt sich und entwickelt sich oft, in nicht nachvollziehbare Richtungen weiter. Dies erzeugt beim Leser oft das Gefühl von Unglauben. Ich weiß, dass jeder Autor einmal klein anfängt und nicht von Anfang an, der "perfekte" Schreiber ist. Aber angesicht der Aufmachung und des Preises, des Werkes, bin ich einfach nur sehr ernüchtert.

Schreibstil:
Ich liebe, liebe, liebe den Schreibstil von Zafón! Dieser war in diesem Werk, der wohl einzige Grund, warum ich mich bis zur letzten Seite gekämpft habe. Denn obwohl auch sein Schreibstil, in dieser Lektüre, nicht so ausgereift und verträumt ist, wie in anderen Büchern, so ist er dennoch eine Lesereise wert. Ich mag es sehr, dass Zafón mit vielen Bildern arbeitet und die Kulisse, seiner Geschichten, somit greifbar macht. Auch in "Der Mitternachtspalast" legt er eine gewisse Magie, in jeden seiner Buchstaben und vermag so, trotzdem, zu verzaubern.

Charaktere:
Die Figuren sind, ähnlich wie die ganze Umsetzung des Buches, eher unausgereift und bleiben deshalb, leider nur grobe Umrisse. Teilweise werden ihre Charaktereigenschaften und wichtigen Merkmale, durch einen kurzen Satz umrissen. Gerade jenes, fand ich sehr schade, hätte ich doch an einigen Stellen, gerne noch mehr über einzelne Charakter, der Geschichte, in Erfahrung gebracht. Denn wenn die Umsetzung der Grundidee nicht ganz gelingt, kann man meistens noch durch ausgereifte Figuren, einige Inhalte gekonnt an die Leser vermitteln. Da dies leider nicht der Fall war, wurde das Handlungs- und Geschichtengerüst schnell instabil.

Cover/ Innengestaltung:
Das Cover der deutschen Ausgabe, gefällt mir richtig gut. Die Farbegbung, das Bild, der Titel, alles harmoniert und fängt den Inhalt des Werkes perfekt ein. Auch die anderen Gestaltungen, der anderen Länder, gefallen mir, auf ihre Weise. Jedoch muss ich gestehen, dass ich diesmal, die deutsche Ausgabe, wirklich am Besten finde.
Die Innengetsaltung ist sehr schlicht. Was mir nicht so sehr gefallen hat: Es gibt nur 5 Kapitel in diesem Werk, über 400 Seiten verteilt. Dadurch wird die eine oder andere Lesereise, manchmal ziemlich endlos.

Weitere Cover:



Manchmal brauchen wir sie einfach: Rettungsanker, heldenhafte Bücher, von denen wir glauben, sie könnten uns von schlechten Lesereisen heilen. Deshalb greifen wir zu Büchern, die den Eindruck in uns erwecken, heldenhaft zu sein. Wenn sie es dann, wider jeder Erwartung, doch nicht sind, ist die Enttäuschung groß und die Leseflaute greifbar nah. Mit all diesen Hoffnungen und Wünschen, streifte ich also durch den Mitternachtspalast, entdeckte geheime Räume, sah Ben und seine Freunde und flüchtete vor dem Bösen. Doch am Ende kam ich nie ganz ans Ziel und blieb ein ferner Beobachter, welcher einfach nicht in den Sog der Geschichte gezogen werden konnte. Denn obwohl ich mich durch den Schreibstil angezogen fühlte, blieben Ben und seine Freunde schemenhaft und die Handlung undurchdringlich. Dabei ist die Idee von Carlos Ruiz Zafón erfrischend und könnte mitreißend sein, wenn sie richtig aufgebaut und damit nachvollziehbar gewesen wäre. Denn so blieb auch ich, am Ende meiner Reise, nur ein sanfter Hauch, auf einer langer Reise, durch die Gänge des Mitternachtspalast, welcher auf den zweiten Blick, nicht jene Magie erweckte, die er mir einst versprach. Da flüstert selbst der Rettungsanker, leise: "Schade".

Das Buch in Worten:
schemenhaft, undurchdringlich, ernüchternd, verwirrend




Carlos Ruiz Zafón wurde 1964 in Barcelona geboren und lebt heute in Los Angeles. Mit den großen Barcelona-Romanen ›Der Schatten des Windes‹ und ›Das Spiel des Engels‹ begeisterte er ein Millionenpublikum auf der ganzen Welt; seine Bücher wurden in über 40 Sprachen übersetzt. ›Das Spiel des Engels‹ stand wochenlang auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Nur kurze Zeit vor ›Der Schatten des Windes‹ schuf Carlos Ruiz Zafón den Roman ›Marina‹, der bereits die gleiche Magie und erzählerische Kraft verströmt. [Quelle: carlosruizzafon.de]



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1 Wortgeflüster

  1. Mir ging es ähnlich mit diesem Buch, dessen Hörbuch Version ich nun schon drei Mal abgebrochen habe, weil ich einfach nicht hinein fand.
    Ich denke seine besten Werke sind die mit denen er berühmt geworden ist. In den älteren Büchern kann man zwar schon sein Potential erkennen, aber es ist eben leider nur Potential, das noch reifen muss.

    LG, Katarina :)

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