Rezension: "Ich werde immer da sein, wo du auch bist" - Nina LaCour

3/11/2013 07:00:00 vorm.


 So sehe ich aus: eine fast Siebzehnjährige [...] Kleiner Mund ohne Lipgloss, ohne Lächeln. Große, ungeschützte, braune Augen, hellwach, trotz einer Reihe von schlaflosen Nächten. Ein Gesichtsausdruck, den man schlecht definieren kann - teils Sehnsucht, teils Trauer, teils Hoffnung.
[S. 311 f.]





Erster Satz:
Ich sehe den Wassertropfen zu, wie sie von meinen Haarspitzen perlen.

Caitlin geht durch die Hölle, denn seit dem Selbstmord ihrer besten Freundin ist einfach nichts mehr wie es war. Trauer und Schmerz benebeln ihre Sinne und machen sie taub und blind für das Hier und Jetzt. Caitlin fühlt sich einsam und verlassen. Immer und immer wieder suchen sie Erinnerungen heim. Erinnerungen, an eine ganz besondere Freundschaft. Erinnerungen, an ein Mädchen mit welchem Caitlin alles teilen konnte. Erinnerungen, an eine Zeit die nie wiederkehren wird. Doch im Vordergrund stehen Fragen, zu viele, zu schwere: Hätte Caitlin den Selbstmord ihrer Freundin verhindern können? Warum hat sie nicht eher gemerkt, wie schlecht es ihrer besten Freundin wirklich ging? 
Als das trauernde Mädchen, durch Zufall, das geheime Tagebuch ihrer Freundin, unter ihrem eigenen Bett findet, scheinen die Antworten zum Geifen nah. 
Aber ist Caitlin für diesen Schritt bereit? Und darf man das Tagebuch seiner verstorbenen Freundin überhaupt lesen?





Idee/ Umsetzung:
Ich bin kein großer Fan von traurigen und eher schweren Geschichten. Ab und an mal finde ich sie ganz in Ordnung, aber ansonsten mache ich doch eher einen Bogen um solche Bücher. Dies liegt daran, dass ich mich gerne in Geschichten verstecke. Ich will ein Teil der Handlung werden, in fremde Leben und Welten eintauchen und einfach einmal alles aus der Realität vergessen. Wenn Bücher eine gewisse Schwere haben, dann breitet sich in meinem Bauch meistens ein Gefühl der Beklemmung aus. Wahrscheinlich setzte ich mich einfach nicht gerne mit dieser Beklemmung auseinander, weswegen diese Sorte an Büchern dann eher nicht in mein Regal wandern. Trotzdem stelle ich mich "Ich werde immer da sein, wo du auch bist" - denn nach vielen Fantasygeschichten, brauchte ich einfach ein Werk, welches mich auf den Boden der Tatsachen zurückholte. Also begann ich zu lesen, zunächst ohne große Erwatungen. Die ersten Seiten lasen sich gut, obwohl sie sehr traurig und schwer auf mein Gemüt drückten, aber trotzdem fehlte mir lange das gewisse Etwas. Doch nach und nach, entwickelte sich die Geschichte weiter, wurde größer und größer und erstrahlte am Ende, in der vollen Größe ihrer Pracht. Ebenso wie die Protagonistin, wuchs die Handlung, Kapitel um Kapitel. Am Ende war ich sprachlos aber doch voller Glück und Trauer zugleich. Frau LaCour hat ihr ein wunderbares Werk geschaffen, dessen Idee sich tief in das Leserherz schleicht und dann unerbitterlich zuschlägt. Denn die perfekte Ausgewogenheit aus Trauer und Glück, Hoffnungslosigkeit und Mut, Schmerz und Vergebung, machen dieses Werk unvergleichbar und einzigartig.

Schreibstil:
Die Geschichte wird uns, sehr authentisch, aus der Sicht von Caitlin nahe gebracht und von Tagebucheinträgen ihrer besten Freundin ergänzt. So bekommt man als Leser ein sehr gutes Gefühl für beide Figuren. Caitlin hat einen schweren Verlust zu ertragen, doch nach und nach entwickelt sich ihr Leben weiter, sie lernt mit der Trauer zu leben, den Blick nach Vorne zu richten, auch wenn es ihr nicht immer gelingt, entwickelt sie sich weiter. Dies spiegelt sich auch durch den Schreibstil wieder, denn dieser fängt den Leser ganz klammheimlich ein, nur um ihn am Ende traurig und froh zugleich, vor den Seiten zurückzulassen. Frau LaCour hat demnach eine sehr emotionale und ergreifende Art zu schreiben. Sehr sanft und mit viel Feingefühl, weiß sie genau die richtigen Buchstaben einzufangen, um Leserherzen auf der Gefühlsebene voll und ganz zu berühren.
   

Charaktere:
Caitlin ist eine Buchfigur die droht, mitten im Leben verloren zu gehen - scheint der Verlust ihrer Freundin doch unüberwindbar. Zunächst hatte ich die Befürchtung, dass ich sie nicht ganz verstehen und somit nicht auf einen Nenner mit ihr gelangen könnte, doch diese Zweifel zerstreuten sich schon auf den ersten 50 Seiten. Denn weder das Alter, noch sonstige Faktoren spielen in diesem Buch wirklich eine Rolle. Durch die guten und gelungenen Beschreibungen der Autorin, bekommt man schnell ein Gefühl für Caitlin und ihre innere Welt. Damit verwandelt sich ihre Geschichte schnell in eine Botschaft. Eine Botschaft an die Leser, Verluste zu akzeptieren, aber nie zu vergessen das Leben zu genießen, ohne ein schlechtes Gewissen an die Vergangenheit zu verschwenden, Wahrheiten zu akzeptieren und Schmerzen zulassen.
Caitlin wandelt sich demnach zur Identifikationsfigur, frei nach dem Motto: So könnten wir uns alle einmal fühlen, aber das wichtige ist doch, was wir daraus machen.

Cover/ Innengestaltung:
Das Cover der Buches ist total schön. Nicht nur die Farbgebung, sondern auch das ganze Motiv, fangen die Gesamtsaussage des Werkes optimal ein. Im Gegensatz zu dem englischen Cover, wirkt es viel positiver und gerade jenes mag ich sehr und finde ich auch, um ehrlich zu sein, viel passender für dieses Werk.
Die Innenegstaltung ist definitiv ein Leckerbissen, an diesem Werk. Insgesamt ist das Buch in mehrere Teile unterteilt und zwar in Jahreszeiten. Jede Jahreszeit wird also durch ein passendes Bild eingeleitet. Zudem gibt es natürlich auch Tagebbucheinträge vorzufinden. Gesamt also eine echt gelungene Aufmachung.

 [Größeres Bild? "anklicken"]


Nein, ich lese nicht gerne Geschichten voller Schwermut und Trauer. Doch wenn ich "Ich werde immer da sein, wo du auch bist", verpasst hätte, dann wäre mir etwas sehr Gutes entgangen. Denn dieses Werk, von Nina LaCour, ist nicht nur ein typisches Drama. Es ist viel mehr ein Buch mit Botschaften, voller Gefühl und Mut. Es ist eine Geschichte über Heilung, Trauer und der Hoffnung, niemals aufzuhören. Die Autorin hat hier eine wunderbare Geschichte geschaffen, die viel mehr ist, als bloß eine Geschichte. Aber um herauszufinden, was sie denn nun ist, müsst ihr euch schon selbst auf die Suche begeben. Denn wer nicht mit eigenen Augen verfolgt, was dieses Werk erzählt, der wird wohl nie verstehen, warum gerade diese Lektüre "mehr" ist, als man je erwarten würde. Für mich das ergreifenste und bewegenste Buch seit langem - Lesen, lieben, leiden, leben!

Das Buch in Worten:
gefühlvoll, bewegend, spannend, traurig, magisch






Nina LaCour ist in der Nähe von San Francisco aufgewachsen. Sie arbeitet als Lehrerin für Literatur und lebt und schreibt in Oakland, Kalifornien.
[Quelle: Fischer]






Seite der Autorin: 


Englischer Trailer:


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Viel Spaß beim Stöbern und Entdecken...

3 Wortgeflüster

  1. Von diesem Buch habe ich bis jetzt noch gar nicht gehört, aber es klingt wirklich besonders. Und da ich ab und zu gerne mal solche Geschichten lese, landet es auch gleich ein mal auf meinem Wunschzettel ;)

    Liebe Grüße,
    Filo

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  2. Liegt schon auf meinem SuB, aber wg deiner Rezi wohl nicht mehr lange =)

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  3. Wieder einmal wunderschön geschrieben, Jenny. :)
    Von Nina LaCour kenne ich das zweite Buch. Von der Stimmung her kann ich solche Bücher auch nicht immer lesen. Man muss sich einfach vom innern heraus auf so eine Geschichte einlassen können. Auf meiner Wunschliste steht "Ich werde immer da sein..." schon seit einer Weile. Ich denke, ich werde es mir kaufen wenn ich das Gefühl habe, bereit dafür zu sein.

    LG

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