Der Marsianer | Andy Weir

1/31/2016 09:35:00 vorm.

Erinnern Sie sich an Ihre alten Mathematikaufgaben? Das Wasser fließt mit einer bestimmten Geschwindigkeit in einen Behälter hinein und am anderen Ende wieder heraus. Sie müssen berechnen, wann der Behälter leer ist. Diese Rechenaufgabe ist jetzt entscheidend für mein Projekt „Mark Watney darf nicht sterben“.
"Der Marsianer" - Andy Weir
[S. 34] 

Erster Satz:
Ich bin sowas von im Arsch.

Sechs Tage ist die Marsmission alt, von der Mark Watney sein Leben lang geträumt hat, da kommt es zur Katastrophe. Durch einen ungewöhnlich heftigen Sandsturm wird seine Crew gezwungen, die Expedition abzubrechen und die Planetenoberfläche wieder zu verlassen. Doch auf dem Weg zur Fluchtkapsel verliert sich Mark im Sturm und wird von einer losgerissenen Antennenschüssel bewusstlos geschlagen, die auch noch seinen Biomonitor zerstört. Seine Crewmitglieder lassen den Totgeglaubten notgedrungen auf dem Mars zurück und retten sich ins wartende Raumschiff. Als Mark Watney Stunden später wieder erwacht, ist er alleine auf einem fremden und lebensfeindlichen Planeten. Zurück in der Wohnkuppel, ohne die Möglichkeit, irgendjemanden zu kontaktieren, beginnt er Pläne zu schmieden, wie er überleben und den Mars wieder verlassen kann.
"Der Marsianer" ist ein Science Fiction ganz nach meinem Geschmack. Das Szenario „Mann auf dem Mars“ hat mich direkt beim Lesen des Klappentextes gepackt und ergibt mit der spannenden Erzählweise, den technischen Basteleien und dem saucoolen Hauptcharakter eine großartige Mischung. Man ist von der ersten Seite mittendrin und bis zum Ende kommt keinerlei Langeweile auf.

Der Großteil des Buches wird aus Mark Watneys Sicht erzählt, das allerdings nur indirekt in Form von Logbucheinträgen, die er fast jeden Sol (ein Tag auf dem Mars) vornimmt, um sein Leben auf dem roten Planeten zu dokumentieren, damit es für die Nachwelt festgehalten ist – unabhängig davon, ob er es zurück zur Erde schafft oder nicht. Es liest sich also ein bisschen wie das Tagebuch eines Gestrandeten, aber trotzdem fühlt man sich immer nah dabei und fiebert mit, in der Hoffnung, dass Watneys Experimente und improvisierte Basteleien aufgehen und er sich nicht versehentlich selbst in die Luft jagt. 

Man bekommt bald das Gefühl, dass wenn es einer auf dem Mars schaffen kann zu überleben, dann Mark Watney. Als ein von der NASA ausgebildeter Ingenieur und Botaniker hat er die idealen Voraussetzungen, Nützliches aus seinen kargen Ressourcen herauszuholen. Dabei bleibt er die meiste Zeit über fast schon erstaunlich gut gelaunt und sichert sich mühelos die Sympathien des Lesers.

Falls ihr übrigens bei dem oben gewählten Textausschnitt schon Panik bekommen habt - keine Sorge, man muss in diesem Buch keine Matheaufgaben lösen ;-) Das übernimmt Mark Watney lieber selbst.  Doch praktisch nebenbei und unauffällig bekommt man nochmal ein paar Grundkenntnisse in Physik, Chemie und Biologie vermittelt. Und ist am Ende überrascht, dass man sogar Spaß dabei hatte. 

Das gesamte Buch liest sich sehr flott. Mühelos springt man von Tagebucheintrag zu Tagebucheintrag, was das Lesen kurzweilig gestaltet und den berühmten „nur noch ein Kapitel“-Effekt hat. Zudem haben mich der trockene Humor Watneys und einige der schlagfertigen Dialoge der NASA-Leute beim Lesen mehrmals laut auflachen lassen… was allerdings trotzdem nicht heißt, dass ich nachvollziehen kann, wie der Film zum Buch kürzlich die Auszeichnung „Beste Komödie“ bei den Golden Globe Awards 2016 abgeräumt hat. (Hab den Film allerdings auch noch nicht gesehen)

Gegen Mitte des Buches wechselt die Perspektive öfters und es dreht sich nicht mehr alles nur um Mark Watney, sondern einige Wissenschaftler der NASA sowie Marks Crew, die sich noch auf der Rückreise im Raumschiff befindet. All diese Leute werden Teil der Rettungsmission und spielen noch eine wichtige Rolle beim Ausgang der Geschichte. Zwar lernt man diese Figuren auch etwas näher kennen, allerdings zu flüchtig, als dass man wirklich eine große Beziehung zu ihnen aufbauen könnte – das hat mich gerade bei manchen der Astronauten etwas gestört. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau und eigentlich geht es hier ja auch um einen Mann und seinen Kampf allein auf einem lebensfeindlichen Planeten, der gegen Ende in einer wahnwitzigen Aktion nochmal alles gibt.
Das Finale steht dem Rest des Buches also in punkto Spannung in nichts nach und irgendwann kann man es auch nicht mehr aus der Hand legen, bis man weiß wie es ausgeht. Für mich (und wahrscheinlich für die meisten anderen auch) immer ein sehr gutes Zeichen bei einem Buch. :-)


Spannend bis zum Schluss, gekonnt und witzig geschrieben, sowie mit einem zugegeben hohen Nerdfaktor ist "Der Marsianer" für mich ein Muss für Science Fiction Fans. Dabei liegt die Betonung allerdings wirklich auf „Science“. Auf Mark Watneys wissenschaftliche Überlegungen und Basteleinlagen sollte man stehen, sonst hat man gerade an der ersten Hälfte des Buches wahrscheinlich weniger Spaß. Doch wenn man keine komplette Abneigung gegen Science Fiction und das Thema Weltall hat, kann ich das Buch auch sonst jedem bedenkenlos empfehlen – dafür ist es einfach zu einzigartig.

Das Buch in Worten: 
aufregend, witzig, nerdig, für Science Fiction Fans


 

Michael Drecker übersetzt seit mehr als 3 Jahren in seiner Freizeit Bücher amerikanischer Indie-Autoren, damit sich diese auch deutschen Lesern zugänglich machen können. Zu seinen übersetzen Werken zählen eine Reihe von Büchern und Kurzgeschichten aus den Genres Science Fiction, Dystopie und zeitgenössischer Liebes- und Kriminalromane. Wenn er dann doch mal dazu kommt, selber ein Buch zu lesen, ist von Autobiografien über Fantasy und Thriller, bis hin zu Science Fiction eigentlich alles dabei.

Hier eine Übersicht seiner Übersetzungen



 Heyne | Taschenbuch | September 2015 | 512 Seiten | € 9,99 | "The Martian" |

Viel Spaß beim Stöbern und Entdecken...

2 Wortgeflüster

  1. Ich liebe das Buch auch, weil es witzig und spannend ist. Der trockene Humor lässt mit Watney als Erzähler nie Langeweile aufkommen. Den Wissenschaftsteil fand ich gar nicht mal arg, hab merkwürdigerweise sogar alles verstanden, obwohl ich sonst von Physik keine Ahnung habe. Watney sollte Lehrer werden :-P

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  2. Obwohl mich Physik und Chemie eigentlich nicht interessieren und ich auch Science Fiction eher unbegeistert gegenüber stehe, habe ich mich an den Marsianer aufgrund einer Empfehlung heran gewagt. Und was soll ich sagen, ich bin begeistert. Spannend von der ersten bis zur letzten Seite. Ich war gepackt von der Figur Mark Watneys dessen Humor, der ganz auf meiner Welle liegt, und ich war überrascht, wie man so viele Seiten voll mit eigentlich (für mich) uninteressanten Berechnungen und Aufgaben so verständlich und packend formulieren kann. Das Buch ist an mir vorbei geflogen und ich kann es nur jedem Lesefreund ans Herz legen.

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